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Im Gespräch mit Milan von dem Bussche – Gründer von Qi-Tech und KIKA-Award Gewinner.

(c) Qi-tech

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Herr von dem Bussche, zunächst Gratulation zum Gewinn des KIKA-Awards. Wir freuen uns sehr mit und für Sie über diese Auszeichnung für Ihr Engagement. Bitte verraten Sie uns ein wenig mehr über Qi-Tech.

Wie und wann entstand die Idee für Ihre Schülerfirma?
Vor knapp zwei Jahren entstand die Idee. Damals hatte Paul seinen ersten 3D-Drucker und hat dann damit angefangen, Handyhüllen zu drucken – für sich selbst und für ein paar Freunde. Dann habe ich mir gedacht: „Lass das doch mal auf das nächste Level bringen“. Das haben wir dann zusammen getan und das hat solange gut geklappt bis ich zum ersten Mal bei ihm in der Produktion war und gesehen habe, wie viele Prototypen da rumlagen. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele. Für jedes Handymodell braucht man dann wieder einen neuen Prototyp oder auch mehrere bis das wirklich perfekt sitzt und dementsprechend haben wird dort Berge von Plastikmüll. Da habe ich gedacht: „Lass uns das doch nehmen und wieder zu neuem 3D-Druck-Filament machen.“ Das ist so eine dünne Schnur. Das ist quasi wie Tinte für einen 3D-Drucker. Mit dem 3D-Drucker kann man dann aus Kunststoff alles möglich fabrizieren, was man sich gerade einfallen lässt. Funktioniert ähnlich wie so eine Heißklebepistole, durch die dann der Kunststoff gespritzt wird und durch die dann auf einer Fläche irgendwas abgebildet wird, z.B. eine Handyhülle oder ein Schlüsselanhänger. Da haben wir eben angefangen und haben geforscht. Ich habe dann meine erste Plastikschmelze gebaut. Den Plastikmüll dafür haben wir mit Gartenscheren und Küchenmixer zerschreddert. Meine erste Plastikschmelze bestand aus einem Wasserrohr und einem Motor, den ich aus dem Bett meiner Mutter ausgebaut hatte. Damit habe ich dann das erste Granulat eingeschmolzen und neues Filament hergestellt. Das war der Anfang. Dann haben wir immer weiterentwickelt. Irgendwann hat mir dann der Hausmeister das Schweißen beigebracht. Aus dem Motor von dem Bett meiner Mutter wurde ein richtiger Motor. Aus Plastik- wurden Eisenkupplungen. Küchenmixer wurden richtige Schredder. Nebenbei haben wir uns bei „Jugend gründet“ beworben und haben uns durch die verschiedenen Wettbewerbsphasen gekämpft und haben dann beim Finale in Stuttgart gewonnen. Zu diesem Zeitpunkt haben wir und auch bei der Stiftung Bildung beworben. Glücklicherweise wurden wir ausgewählt und haben 4.000 Euro bekommen. Mit denen konnten wir dann all die Maschinen auf die nächste Ebene bringen. Das war schon echt großartig.

Wann kam dann die Idee die Produktion umzustellen?
Da sind wir so bei den letzten Sommerferien. Dazwischen kam noch Silicon Valley. Und jetzt Anfang des Jahres kam die Idee eigentlich aus Prag. Da gibt es eine riesige 3D-Drucker-Fabrik. Die haben Angefangen mit dem 3D-Drucker Visiere herzustellen und dann mit dem Plasmaschneider Folien dafür zuzuschneiden. Da habe ich mir gedacht: „Hey, das ist eine coole Sache. Da wollen wir mitmachen“. Dann habe ich mir überlegt, dass ich hier jetzt keinen Plasmaschneider und keine tollen Folien habe. Ich benutze einfach eine Cola-Flasche, die ich aufschneide, als Visier und drucke dann dafür mit dem 3D-Drucker eine Halterung. So hat das angefangen. Damit habe ich dann die ersten 20 Visiere aus Cola-Flaschen gebastelt und die dann an lokale Arztpraxen geschenkt. Die sind dann so gut angekommen, dass auf einmal Anfragen für mehrere hundert kamen. Das ging natürlich nicht so und nach und nach habe ich dann gedacht: „Ok, mit dem 3D-Drucker wird das nichts. Das ist eher was für Prototypen und nicht für Serienproduktionen“. Also sind wir ziemlich abenteuerlich gestartet. Ich hatte zum Glück mittlerweile ein paar Freund in der Kunststoffindustrie und da kannte ich auch einen Ingenieur, der mit einer Spritzgussmaschine geholfen hat. Dann haben wir vom Deutschen Roten Kreuz noch einen alten 50 Liter Kompressor bekommen. Der liefert dann die Druckluft für die Maschine. Dann haben wir in Österreich eine Form machen lassen. Da kenne ich ein paar Gründer, die so eine große Metallfräse haben. Da haben sie eine Form gemacht. Dann haben wir Flaschendeckel her liefern lassen. Wir haben hier so eine kleine Behindertenwerkstatt, die die für uns sortieren. Dann war alles bereit und die Produktion ging los. Dann haben wir im Zwei-Minuten-Takt Visiere hergestellt.

Da haben Sie bestimmt sehr viel praktisch und handwerklich dazugelernt. Welche Kompetenzen fernab dieser offensichtlichen haben Sie dann dadurch dazugewonnen?

Frustrationstoleranz. Bevor irgendwas erfolgreich ist, scheitert man mindestens 20 Mal. Ein Beispiel aus unserer Firma: Bis wir eine Firma gründen konnten. Wir wurden vom Familiengericht abgelehnt. Wir mussten dann zum Notar und zum Gewerbeamt und zum Handelsregister und zum Jugendamt – ach Gott, es war ein wahrer Horror. Bis wir angenommen wurden hat es auch zwei Artikel in der BILD-Zeitung gebraucht bis das Familiengericht gedacht hat: „Hey, wir können die nicht weiter ignorieren.“ Da braucht man echt Frustrationstoleranz. Vorgestern musste ich wieder meine Steuern abgeben. Das ist echt nervig manchmal. Und wie oft die Maschinen kaputt gehen im Vergleich dazu, wie lange man sie wieder repariert. Das ist schon echt heftig. Ich denke, dass ist so die Hauptqualität, die ich dadurch gelernt habe. Einfach weiter zu machen –  und wenn es 1000-mal nicht klappt, dann trotzdem weiter zu machen. Weil es dann beim 1001. Mal klappt.

Wie hat denn die Zusammenarbeit bei Ihnen im Team funktioniert? Hat sich da etwas verändert?
Paul ist ja vor etwa vier Monaten ausgestiegen. Das war auch spannend. Wir haben ja zusammen angefangen und dann „Jugend gründet“ gewonnen. Paul hat dann ein anderes Unternehmen gegründet: Neduation. Er bietet den Leuten an den Volkshochschulen Kurse über Cybersecurity, Cloud-Speicherplatz, Handynutzung und sowas an. Ziemlich sein Fachbereich. Das ist dann bei ihm relativ groß geworden. Jetzt macht er nur noch diese Online-Kurse und verdient damit sein Geld und ist dann aus Qi-Tech ausgestiegen. Ich wollte dann Qi-Tech aber nicht sterben lassen. Ich wollte weitermachen. Und das war zu Beispiel auch etwas. Da habe ich gemerkt, dass das so auch laufen kann. Der Kumpel gründet ein zweites Unternehmen und startet damit durch. Du musst hier schauen, dass du das selbst alles auf die Reihe bekommt. Das war auch eine spannende Erfahrung. Wir gehen ja jeden Tag noch zusammen zur Schule und reden dann immer darüber, wie wir die Firma gerade vor der Pleite retten. Das ist schon sehr lustig, was man dabei so für Erfragungen sammelt.

Das ist ja wirklich geballter Gründergeist. Was macht denn in Ihren Augen einen guten Gründer aus?
Nicht aufzugeben. Durchhaltevermögen ist einfach das A und O. Man muss nicht sonderlich begabt sein, sondern es immer wiederversuchen, bis es dann irgendwann funktioniert. Allein schon bis wir zum ersten Mal in der Zeitung standen und mehr als unsere Eltern von unserer Firma wussten, hat es schon ein halbes Jahr gedauert. Da hat man in der Garage gesessen und hat Maschinen gebaut, die nach jeder zweiten Minute wieder explodieren. Und dann fliegen die Sicherungen vom Haus raus und dann die von der Straße. Und dann sind alle Nachbarn sauer. Da muss man eben durch. Das ist die Qualität, die Gründer verkörpern müssen. Ich denke, das ist so die Haupteigenschaft.

Da gehört ja auch dazu, immer wieder etwas Neues zu finden. Haben Sie schon Pläne, was Sie nach Corona machen wollen?
Woran wir arbeiten: ein neues Produkt. Das ist noch in der Entwicklung. Das wird auch eine Spritzgussproduktion, die ziemlich spannend wird. Das ist noch zu früh, um darüber zu reden. Ich weiß ja auch noch gar nicht, ob es klappt. Wir gehen jetzt auch wieder zurück zur Produktion von 3D-Druckfilament und 3D-gedruckten Schlüsselanhängern mit Firmenlogos und Mitarbeiternamen. Sehr spannendes Gebiet. Ziemlich cool, was in der 3D-Druck-Industrie gerade alles so passiert. Die Idee ist eben, dass Fortschritt nicht zu Lasten der Nachhaltigkeit geht. Dass man eben schaut, dass an die 3D-Drucker eben mit recyceltem Filament befüllt. Da steckt eben eine Menge Kunststoff-Forschung dahinter, die wir jetzt ja schon über ein Jahr gemacht haben. Von Flaschendeckeln, über Shampoo-Flaschen zu Joghurtbechern, zu Industriemüll in 20 verschiedene Sorten. All das analysieren, testen. Welche funktionieren mit dem 3D-Drucker? Welche Temperaturen brauche ich? Welche Geschwindigkeiten brauche ich? Wie wasche ich das Plastik? Wie sortiere ich es? Daran arbeiten wir gerade. Wir bauen gerade eine Waschmaschine um zu einer Plastikwaschmaschine. Das ist auch sehr spannend.

Wird Qi-Tech einmal eine schöne Erinnerung sein oder gilt „einmal Gründer, immer Gründer“?
Ja, ich denke, „einmal Gründer, immer Gründer“. Ich arbeite lieber 100 Stunden für mich selbst als 40 Stunden für jemand anderen. Auch wenn ich selber nichts verdiene. Ich habe ja noch zwei Jahre Zeit, bis ich Geld verdienen muss. Und dann muss ich irgendwie dafür sorgen, dass Qi-tech oder die nächste Firma, die ich bis dahin gegründet habe, rentabel ist. Weil gerade ist eben die beste Zeit des Lebens, um sowas zu machen. Man ist einfach komplett frei. Selbstwenn Qi-tech komplett pleitegeht, bin ich Schüler. Das stört mich nicht so wirklich. Dann mache ich eben ganz normal mein Abitur. Ich gehe ja auch nebenbei zur Schule. Deshalb ist man da relativ risikofrei. Wenn man jung ist, ist das die Chance. Man hat keine Familie und nichts. Man kann einfach machen, was man will. Wenn man Lust hat 3000 Visier zu produzieren und zu spenden, dann macht man des eben. Niemand sagt einem, was man zu tun und zu lassen hat. Das ist eine coole Sache.

Dann wünsche ich Ihnen – auch im Namen der Karl Schlecht Stiftung – ganz ganz viel Freude und Erfolg mit dem Unternehmen!

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Die Karl Schlecht Stiftung ist überzeugt, dass die frühe Entrepreneurship Education den Grundstein für eine selbstbestimmte und erfolgreiche berufliche Zukunft legt. Deshalb hat sie den Förderfonds „Entrepreneurship Education“ bei der Stiftung Bildung initiiert. Kinder und Jugendliche sollen die Möglichkeit haben, die Welt von morgen aktiv mitzugestalten. Dazu benötigen sie unternehmerische Kompetenz. Der Förderfonds „Entrepreneurship Education“ der Stiftung Bildung unterstützt bestehende und geplante Projekte von Kitas, Kindergärten, Grundschulen und weiterführenden Schulen, in denen Kinder und Jugendliche unternehmerisches Denken und Handeln ausprobieren können und erfahren, was es heißt, ethisch und nachhaltig zu wirtschaften.